Wie Kritik dem Selbstwert des Kindes schadet

Alles beginnt mit der Familie – zumindest mit der persönlichen und existentiell entscheidenden Beziehung zwischen Eltern und Kind. Die Qualität dieser persönlichen Beziehung und die Qualität zu anderen primären Bezugspersonen bestimmt als Erstes das allgemeine Wohlbefinden eines Kindes.

Während der Kindheit durchlaufen Kinder etliche Lernprozesse, in denen sie erfolgreich sind, oder scheitern. Stellen wir uns ein Kind vor, welches bei den ersten Gehversuchen immer und immer wieder hinfällt, aufsteht und es weiter versucht, bis es gelingt. Dieser unbändige Wille zum Ziel zu kommen ist wirklich bemerkenswert. Danach folgt der nächste Entwicklungsschritt und somit weitere Erfahrungen. Auch soziale Fähigkeiten werden im Zusammenspiel mit anderen Menschen geübt und prägen die Beziehungen für das spätere Leben.

Entwicklung des Selbstwertgefühls

Um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, brauchen Kinder die Erfahrung, sich als wertvoll für andere Menschen, primär die eigenen Eltern, zu fühlen. Dies geschieht durch eine positive, empathische verbale sowie nonverbale Rückmeldung, welche sie von ihrem Umfeld bekommen.

Die kindliche Lernfähigkeit verringert sich jedoch –ob es sich um intellektuelle oder soziale Fähigkeiten handelt-wenn das Umfeld in dem Kinder leben, kritisierend ist. So bekommen die Kinder das Gefühl, das mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist. Dieser Mechanismus ist bei allen Kindern aktiv und somit hängt das Selbstwertgefühl fast ausschliesslich vom Feedback seiner engsten Bezugspersonen ab.

Wenn ein einjähriges Kind das Spielzeug immer und immer wieder auf den Boden wirft, um die Schwerkraft zu entdecken, hängt seine Erfahrung die es damit verbindet mit der Rückmeldung seiner Eltern zusammen. Gelingt es den Eltern, empathisch auf die Entdeckungslust des Kindes zu reagieren, wird das Kind das Entdecken sowie die damit verbundenen Gefühle als positiv abspeichern. Wird der kindliche Entdeckungsdrang von den Eltern jedoch als lästig und provozierend aufgenommen, wird es sich schlecht dabei fühlen.

Genau so verhält es sich mit den Gefühlen. Ist ein Kind frustriert, weil es nicht bekommen kann was es sich wünscht, braucht es Erwachsene, die diesen Frust aushalten und nicht verurteilen. Gelingt es den Eltern, den sogenannten „negativen Gefühlen“ des Kindes Raum zu geben, kann es lernen diese zu integrieren und einen konstruktiven und liebevollen Umgang damit zu finden. Bekommt das Kind jedoch die Rückmeldung, dass frustriert sein unangemessen und daneben ist, wird es Strategien zur Vermeidung von Frustration entwickeln.

Wächst ein Kind in einer vorwiegend kritisierenden Umgebung auf, schadet dies erheblich seinem Selbstwertgefühl. Vielleicht wird es für sein Bedürfnis, gesehen zu werden kämpfen oder aber es resigniert und passt sich der Umgebung an. Beide Strategien dienen einzig und allein dem Schutz seiner Integrität. Sie werden von uns Erwachsenen jedoch oft fälschlicherweise als verhaltensauffällig bezeichnet, da ersteres als vorlaut und ungehorsam und letzteres Verhalten als schüchtern bezeichnet wird.

Sich seiner selbst bewusst werden

Wenn du selbst in einer kritisierenden Umgebung aufgewachsen bist, wirst du dies wahrscheinlich an deine Kinder weitergeben. Ausser du wirst dir deiner selbst bewusst.

So ist es auch mir ergangen: Als ein Kind sich verletzte hörte ich mich das erste Mal bewusst sagen:

„Das ist doch nicht so schlimm“ (mit der Haltung: tu nicht so wehleidig und wütend darüber, dass ich mich nun auch noch um dieses Kind kümmern muss). Als ich meinem kritisierenden und abwertenden Ich begegnet bin, erschrak ich zuerst und dachte mir, wer bin ich, um darüber urteilen zu können, ob dies nun schlimm ist oder nicht? Und was ist das für eine ablehnende Haltung dem Kind gegenüber? Wo kommt diese ganze Wut her?

So bin ich mir begegnet. Meiner Verletzlichkeit, Wut und Ablehnung. Und nein, so wollte ich nicht sein. Aber so war ich. Und das musste ich zuerst annehmen, bevor ich mich verändern konnte. Und der erste Schritt dazu war: Ab sofort sage ich nie wieder zu Jemandem: „Das ist doch nicht so schlimm“.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Jahre, in denen ich mich um meine Verletzungen kümmern musste. Liebevoll. So dass ich mich heute um die Verletzungen anderer kümmern kann. Denn Kritik schadet nicht nur dem Selbstwertgefühl des Kindes, es schadet später auch dem ganzen Leben als Erwachsener.

Denn das sind unsere Wunden, welchen wir in der Beziehung mit unseren Mitmenschen, speziell unserer Kinder wieder begegnen. Wenn diese Wunden getroffen werden, kann dies zu Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, mit dem Partner oder unseren Kindern führen. Denn sie lassen uns meist auf eine impulsive Weise reagieren und belasten die Beziehung.

Wir müssen lernen, einen liebevollen Blick auf zu uns selbst zu kultivieren, damit wir liebevoll auf die Wunden anderer Menschen und vor allem unserer Kinder blicken können. Dies erfordert deine Bereitschaft und den Mut, in dein Leben hinein zu spüren, um zu fühlen und schliesslich – um zu Leben.