Müssen Eltern konsequent sein?

„Eltern müssen konsequent sein, sonst tanzen die Kinder ihnen auf der Nase herum.“ Oder „Eltern müssen am gleichen Strick ziehen, sonst nutzen die Kinder sie gegenseitig aus.“ Wer kennst sie nicht? Diese Sätze, die einen zutiefst verunsichern, ob man alles richtig macht?
Doch woher kommen sie eigentlich und stimmen sie überhaupt?

Wenn man davon ausgeht, dass die Wissenschaft vor 100 Jahren davon ausging, dass Säuglinge primitiv zur Welt kommen und daher gezüchtigt werden müssen, dann kann man sich vorstellen, dass sich dieses Menschenbild über mehrere Generationen tief in uns verankert hat. Dies erklärt das Misstrauen, welches viele Eltern ihren Kindern gegenüber haben. Wurde doch vielen von uns genau diese Misstrauen entgegengebracht.

Heute ist man weiter und wir wissen: Säuglinge kommen als soziale und mitfühlende Wesen zur Welt. Alles was sie brauchen sind Erwachsene, die klare und emphatische Rückmeldungen geben, damit Kinder diese Fähigkeiten üben und somit ausbauen können. Denn durch die sogenannten Spiegelneuronen lernen Kinder durch das was wir tun und weniger durch das, was wir sagen. Doch was heisst das? Und was hat dies mit konsequent sein zu tun?

Kinder müssen sich an ihren Eltern orientieren können. Dies geschieht umso besser, wenn Eltern sich im Klaren darüber sind, was sie wollen oder eben nicht. Dies setzt voraus, dass wir mit unseren inneren Werten und Gefühlen in Verbindung sind. Nur wenn wir diese kennen, können wir diese auch so kommunizieren, dass sie für die Kinder verständlich sind. Diese sogenannte elterliche Führung ist für ein gesundes Wachstum der Kinder unerlässlich. Sie gibt Kindern eine Verbindlichkeit, an der sie sich orientieren können. Denn sie bezieht sich nicht auf den Inhalt (worum geht es?), sondern auf den Prozess (wie geht es?).
Mit dieser Verbindlichkeit ist es möglich, heute so und morgen anders zu entscheiden. Auch ist es möglich, dass Eltern unterschiedlicher Meinung sind und das Kind trotzdem weiss, woran es sich orientieren kann.

Beispiel:
„Wenn du jetzt nicht die Zähne putzt, dann bekommst du das nächste Mal keinen Nachtisch mehr.“ Eltern machen von solchen „logischen Konsequenzen“ Gebrauch, wenn sie nicht mehr weiter wissen.
Dies kommt aus der Angst heraus, dass Kinder nie mehr ihre Zähne putzen, sind wir ja in unserem tiefen Innern überzeugt, dass Kinder uns auf der Nase herumtanzen.

Wenn wir jedoch verbindlich sind, indem was wir wollen, dann bleiben wir im Kontakt, in einer klaren Haltung was unsere Werte betrifft.

„Ich will, dass du deine Zähne putzt.“ Im Vertrauen darauf, dass Kinder immer mit uns kooperieren wollen, wartest Du einen Moment ab, damit das Kind Zeit hat, auf Deine Forderung einzugehen. Wichtig: Du bleibst im Kontakt und wendest Dich nicht von Deinem Kind ab. Du bist Dir im Klaren darüber, warum Du möchtest, dass Dein Kind die Zähne putzt. Bist Du unsicher, muss Du Deine Unsicherheit überprüfen, denn ansonsten übernimmt Dein Kind dies für Dich.

Diese Verbindlichkeit, im Kontakt zu bleiben und für meine Werte einzustehen, ist es, welche in meinen Augen mit „konsequent sein“ gemeint werden sollte. Denn wenn ich mir sicher bin, was ich will oder eben nicht, dann kann auch ich mich an mir orientieren. Uns so tanzen wir alle gemeinsam – statt auf der Nase – auf unseren Beinen durch das Leben.